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Erinnerungsorte der deutsch-sowjetischen Geschichte

Deutsche und österreichische Kriegsgefangene in Russland (1914–1922)

Von den 2,4 Millionen Soldaten, die sich von Mitte 1914 bis 1922 in Russland in Kriegsgefangenschaft befanden, kamen mindestens 168 000 aus dem Deutschen Reich, etwa eine halbe Million waren Deutschösterreicher aus dem Habsburgerreich. Die Herkunft hatte unmittelbare Auswirkungen auf die Behandlung der Kriegsgefangenen, so gehörten die Deutschen zu den Nationalitäten, die bevorzugt in Sibirien interniert wurden.

Die anfangs katastrophalen Zustände in den oft improvisierten Unterkünften begünstigten die Ausbreitung von Seuchen. In keinem anderen kriegführenden Land war die Zahl der in Kriegsgefangenschaft Verstorbenen mit ca. 400 000 Toten so hoch wie in Russland. Als Reaktion auf die hohe Sterblichkeit wurden bis 1917 über 400 Lager geschaffen, die zwischen 2000 und 5000 Männer in Zentralrussland und bis zu 35 000 in Sibirien beherbergten.

Seit dem Frühjahr 1916 setzte Russland Kriegsgefangene systematisch in der Landwirtschaft, in der Industrie und auf Baustellen ein. Entgegen der Haager Landkriegsordnung zwang Russland Kriegsgefangene auch für kriegswichtige Zwecke zur Arbeit. Offiziere waren vom Arbeitsdienst befreit. Entscheidend war der Einsatz deutscher und österreichisch-ungarischer Kriegsgefangener beim Bau der Murmanbahn, einer strategisch wichtigen Verbindung zwischen Petrograd und der Hafenstadt Romanov-na-Murmane (heute – Murmansk). Hier war die Todesrate aufgrund der unterentwickelten Infrastruktur und fehlender staatlicher Kontrollinstanzen überdurchschnittlich hoch.

Aufgrund der politischen Wirren waren die Kriegsgefangenen in Russland ab 1917 verschiedenen politischen Machthabern ausgesetzt. Die Provisorische Regierung lockerte die Aufsicht über die Lager, die bolschewistische Regierung erklärte die Kriegsgefangenen zu freien Bürgern, die in ihren Rechten den russischen Arbeitern gleichgestellt waren. Da sie jedoch weiterhin als wichtige Arbeitskräfte angesehen wurden, verzögerte sich ihre offizielle Repatriierung. 1920 befanden sich noch 500 000 ehemalige Kriegsgefangene in Russland; 1922 verließen die letzten Kriegsgefangenen offiziell das Land.

Erinnerung

Das Thema der russischen Kriegsgefangenschaft war in Deutschland zunächst vor allem in der Belletristik sehr präsent, verschwand aber mit dem Zweiten Weltkrieg aus der öffentlichen Diskussion. Sowjetische Historiker befassten sich relativ früh mit den Kriegsgefangenen, wobei sie sich auf deren Rolle im russischen Bürgerkrieg konzentrierten und diese überhöhte. 

In den letzten 20 Jahren hat sich die Forschung einem immer breiteren Themenspektrum zugewandt. International setzte die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit wenigen Ausnahmen erst in den 1980er-Jahren ein.

Erinnerungsort: Das Heimatkundemuseum der Region Krasnojarsk

Die Anwesenheit kriegsgefangener Angehöriger der Mittelmächte während des Ersten Weltkrieges spiegelt sich an verschiedenen Orten der Stadt Krasnojarsk wider. Das Heimatkundemuseum der Region Krasnojarsk wurde unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg maßgeblich durch die Tätigkeit des österreichischen Prähistorikers Gero von Merhart (1886–1959) geprägt, der aus dem Kriegsgefangenenlager an das Museum beordert wurde und dort Forschungen durchführte. Wie viele weitere Regionalmuseen in ganz Russland verfügt auch das Heimatkundemuseum über eine vielfältige Sammlung von Objekten (Gebrauchsgegenstände, Bücher, Kunstwerke) der Kriegsgefangenen. Ein Teil dieser Sammlung ist in der Dauerausstellung zu sehen.

Vitalij Fastovskij
Beschreibung des Ortes: Lena Radauer

Auf dem Bild ist eine Ausstellungswand zu sehen, die sich mit einem Kriegsgefangenenlager in Krasnojarsk befasst. Sie ist an einer großen, dunkelblauen Wand installiert. An dieser Wand hängen diverse gerahmte Dokumente, Zeichnungen, Fotografien und Karten, die sich thematisch auf das Lager beziehen.

Ständige Ausstellung über das Kriegsgefangenenlager Krasnojarsk im Heimatkundemuseum der Region Krasnojarsk (Ekaterina Detlovas, mit freundlicher Genehmigung)

Literatur

  • Reinhard Nachtigal, Lena RadauerPrisoners of War (Russian Empire). In: 1914–1918-Online International Encyclopedia of the First World War BSB - Bavarian State Library (2014).
  • Reinhard Nachtigal: Die Murmanbahn: 1915 bis 1919: Kriegsnotwendigkeit und Wirtschaftsinteressen. Greiner, Remshalden 2007
  • Georg Wurzer: Die Kriegsgefangenen der Mittelmächte in Russland im Ersten Weltkrieg. V&R unipress, Göttingen 2005
  • N. V. Suržikova: Voennyj plen v rossijskoj provincii: 1914–1922 gg. [Kriegsgefangenschaft in der russischen Provinz: 1914-1922]. ROSSPĖN, Moskva 2014
  • Alla Ivanovna Gergilëva: Voennoplennye Pervoj mirovoj vojny na territorii Sibiri [Kriegsgefangene des Ersten Weltkriegs in dem Gebiet Sibirien]. Dissertation, Krasnojarsk 2007